Literatur-Tipps (2)
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Mautner Markhof, Georg J. E.: Verschwörung der Inquisitoren. Kriminalprozeß Miguel Serveto 1553, Wien 1974.

Buch eines österreichischen Industriellen, der soviel Sympathien für Servet entwickelte, dass er sich auf dessen Spuren begab und ein Buch darüber schrieb.

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Oberman, Heiko A.: Zwei Reformationen. Luther und Calvin. Alte und Neue Welt, Berlin 2003

Unerlässlich für alle, die den Unterschied von Luther und Calvin begreifen wollen.

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Reinhard, Volker: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf, München 2009

Eine Calvin-Biografie, die den Schattenseiten des knarzigen Reformators gebührenden Platz einräumt.

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Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 2012

Aktuelle umfassende Lutherbiografie vom Schreibtisch eines Historikers, keines Theologen.

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Schuder, Rosemarie: Serveto vor Pilatus, Berlin 1988

Der Roman liest sich flüssig, Historisches ist in schriftstellerischer Freiheit mit Anekdoten ausgeschmückt. So hätte es sein können, ja. Zum Beispiel, dass Servet in der Todeszelle Calvin mit den Worten verabschiedete: „Ich bekenne mich zu meinem Bemühen, die dumpfe Unwissenheit aus der Welt zu bringen. Wie kann ich abschwören und verleugnen den Weg des Blutes durch das Herz, das Herz des Menschen." Und Schuders Version endet nicht mit dem Scheiterhaufen, sondern mit einem Besuch des Erzengels Michael beim Todgeweihten. Das Himmelswesen prophezeit: „Deine Frage, wer sind wir Menschen, wird die Herzen weiter beunruhigen." Auch sagt der Engel voraus, dass ein Mann das Buch Servets aus den Flammen retten wird, „damit es in der Welt bleibt". Theatralisch, aber kreativ.

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Stern, Luitpold: Michael Servetus. Der Mann zwischen den Kirchen, Wien 1946

„Eine religiöse Rhapsodie in zwei Teilen", nennt Stern seine Dichtung. In künstlerischer Freiheit hat er bewegende Dialoge zwischen Calvin und Servet entworfen. „Ihr braucht den Menschen als Raubtier", sagt Servet zu Calvin, „damit Euch die Rolle des Bändigers zufällt." Calvin erwidert: „Selbstbändigung ist Dir völlig fremd. Das ist Dein Verhängnis. Genf aber ist der Ort der Zucht, Platz der Arbeit […]". Am Ende schimmert die Tradition der kraftvollen Arbeiterdichtung durch: Auf Geheiß ihrer Mutter tauschen die jungen Männer, die den Scheiterhaufen auftürmen sollen, frisches gegen trockenes Holz aus, um die Qualen des Todeskandidaten zu mildern. Bewegend auch der Epilog, ein Bekenntnis Servets, das folgendermaßen endet: „Mein Arm um die Schulter der Zukunft, // das Haupt in den Himmeln der Sonnen, / den Geist in der Suche nach Wahrheit - // macht mit mir, / was Ihr mit mir machen könnet, / und ich, ich mache mit Euch und euren Kindern, / was ich vermag."

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Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin – oder: ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt (1936)

Mitreißend geschrieben – aber leider – oder besser gesagt: Gottseidank! – nicht historisch. Um der Zensur zu entgehen, wählte der jüdische Schriftsteller das Genf Calvins als quasi-historisches Fundament seiner Abrechnung mit  Hitler und dem Nationalsozialismus. Begriffe wie „Machtergreifung", „Gleichschaltung" und „Auslandspropaganda" zeugen davon. „Die diktatorische Position, die Zweig Calvin zuschreibt, hatte dieser nie inne", moniert der Theologe Wolfgang Huber, „hier haben Zweig und die, die seiner Interpretation gefolgt sind, Calvin Unrecht getan." Wer dies beim Lesen bedenkt, kann sich am Meisterwerk eines Schriftstellers erfreuen, der Höheres im Sinn hatte als einen historischen Roman, wie er im Vorwort schreibt: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volke, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei)."

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Welti, Albert Jakob: Servet in Genf Theaterstück, 1931 in Bern uraufgeführt.

Welti versucht, Verständnis für beide Seiten zu wecken. Am Ende bleibt Servet der Weisere. Welti legt ihm diese letzten Worte an Calvin in den Mund: „In unseres Vaters Hause sind viele Wohnungen – wir werden einstens doch wohl Nachbarn sein."

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